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25.11.2011·Matthias Goergens, Düsseldorf

Interview mit der Biotischlerei Böhmer

Alexandra Böhmer linst verschmitzt zu ihrem Mann rüber: „Ich war schon immer irgendwie Öko.“ Andreas Böhmer muss sie nicht mehr davon überzeugen, der Tischlermeister weiß um die Möglichkeiten zur nachhaltigen Schreinerarbeit. Mit der Zeit entwickelte sich auch bei ihm ein Bewusstsein dafür, spätestens mit der Geburt der gemeinsamen Kinder. „Bei vielen Menschen kommt das Umdenken meist über die Kinder, was das gesunde Einrichten angeht“, sagt Alexandra Böhmer, die mittlerweile mit ihrem Mann die Tischlerei an der Birkenstraße 41 in Flingern führt. Dabei hat sie beruflich eigentlich kaufmännische Grundlagen, den handwerklichen Teil erledigt Andreas Böhmer, der sich schon in der Schulzeit dafür begeisterte.

Der Werkunterricht machte dem gebürtigen Düsseldorfer am meisten Spaß. Und daheim baute Opa Wilhelm Schreibtische selbst – auch für Enkel Andreas. Für das Schulpraktikum wählte der heute 33-Jährige aus freien Stücken eine Schreinerei, mit 15 Jahren war sein Berufsweg eingeschlagen: „Anfangs durfte ich nur zuschauen, dann wurde aber dem Meister mein Interesse und Geschick bewusst und er hat mir sofort eine Lehrstelle angeboten.“ Die trat er ein Jahr später auch an, allerdings nach dem Realschulabschluss und bei einem anderen Betrieb in Düsseldorf-Eller. Mit 22 Jahren machte er seinen Meister, war zunächst Angestellter im Lehrbetrieb, nach dem Zivildienst dann Betriebsleiter bei einer Messebaufirma.

Nachdem er zwei Jahre Elternzeit genommen hatte, wuchs die Idee zur Selbständigkeit. Erst nebenbei, mit kleinen Reparaturarbeiten nachmittags und abends als Angebot für Berufstätige. „Mit der Zeit wurden es immer mehr Anfragen, das ist dann so gewachsen.“ Über eine Kundin kam Andreas Böhmer zu seiner heutigen Werkstatt im Hinterhaus der Birkenstraße 41. Anfangs erschreckte ihn die große Fläche, „aber ich hätte mich geärgert, wenn ich nicht zugegriffen hätte“. 2007 startete er alleine, mittlerweile hat er zwei Gesellen und einen Lehrling unter sich – und seine Frau an seiner Seite.

Alexandra Böhmer hatte lange Jahre das Geld für die Familie mit ihrer Tätigkeit im Management eines Mobilfunkunternehmens verdient. Das Gewerk ihres Mannes interessierte sie zunächst gar nicht. Bis sie die manchmal doch recht starken Gerüche und Kunststoffe wahrnahm. Spätestens als es um die Einrichtung der Kinderzimmer ging, war bei beiden der Zeitpunkt des Umdenkens erreicht. Schließlich sollten Betten, Wippen und Schaukelschafe die Kinder nicht krank machen. Alexandra Böhmer absolvierte einen Fernlehrgang als Bau-Biologin, arbeitete sich tief in das Thema „Wohngesundheit“ ein. Denn „Öko“ war sie ja schon immer, wie sie selbst dagt. Mittlerweile zeichnet sie für die „biotischlerei böhmer – die gesundmöbelbauer“ verantwortlich, die sich als eigenständiger zweiter Teil des Geschäfts etabliert hat. Ihren Mann hat sie längst für das Thema sensibilisiert, auch wenn konventionelle Schreinerarbeiten nach wie vor das Kerngeschäft sind.

Auf den 350 Quadratmetern in der Werkstatt sind die Übergänge in jedem Fall fließend. Ob es um das Arbeiten oder um Anregungen gegenüber den Kunden geht. „Oft horchen die Menschen dann auf, wenn man sie direkt anspricht: Zum Beispiel bei der Entscheidung, wie sie die Möbelstücke verleimt haben wollen“, sagt Andreas Böhmer. Denn das erscheint am einleuchtendsten: Herkömmliche „PU-Leime“ quillen und schäumen auf, sind stark Lösungsmittel-haltig, dünsten entsprechend aus und entlassen über Monate und Jahre viele Reizstoffe in die Raumluft. Alternativ bieten die Böhmers mit ihrem Team reinen „Weißleim“ an oder verschrauben die Möbelstücke. Überhaupt wird schon beim Materialkauf auf Nachhaltigkeit geachtet. Hölzer kommen von Sägewerken aus der Nähe mit entsprechend kurzen Wegen. Hersteller „Auro“ liefert beispielsweise Öle, Wachse und Lacke, die natürlich hergestellt werden. Da ist das „Lösungsmittel“ ein Orangenöl. „Wir wollen immer sagen können, was alles drin steckt“, sagte Alexandra Böhmer. Möglichkeiten gibt es schließlich etliche: Ob mit Bienenwachs behandelte Möbel oder Betten, die mit reinen Holzverbindungen gebaut werden.

Die Mitarbeiter jedenfalls ziehen schon begeistert mit, und immer mehr Kunden haben die Böhmers zumindest schon mal nachdenklich gemacht. Schließlich sind sie „der Schreiner um die Ecke“ mit der Möglichkeit zur ganz persönlichen Ansprache. Viele Kunden kommen aus der näheren Umgebung und sind auch bereit, für entsprechende Qualität die etwas höheren Preise in Kauf zu nehmen. „Mit Billiganbietern können und wollen wir nicht mithalten. Natürlich sind die wohngesunden Stücke noch etwas teurer, aber das ist es den Kunden meist Wert“, sagt Andreas Böhmer. Vielleicht passt deshalb auch der Standort Düsseldorf ganz gut zur nachhaltigen Tischlerei: „Wir glauben an die Düsseldorfer, sind selbst mit jeder Faser hier heimisch und wollen auf jeden Fall hier bleiben.“ Natürlich sei es der Traum, die Biotischlerei weiter auszubauen. Aber noch fehlt entsprechende Kundschaft in ausreichender Zahl. Macht nichts, denn missioniert werden soll niemand, betont „Öko“ Alexandra Böhmer. „Aber wir glauben fest daran, dass es ein guter Weg ist, den wir gehen.“

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